11. 09 – 13. 10. 2023 · Sparkassen Galerie · Olpe
Unter diesem Titel kamen Kunstinteressierte bei der 59. Ausstellung in der Sparkassengalerie in Olpe auf ihre Kosten. Die Begrüßung nahm Vorstandsmitglied Wilhelm Rücker vor. Die Einführungsrede hielt die Kunsthistorikerin Ulrike Monreal. Die Vernissage untermalte der Musiklehrer Tim Klausnitz musikalisch auf seiner Gitarre.














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Gibt es wirklich noch Dinge, die uns in Erstaunen versetzen? Staunen, per Definition eine innere Bewegung und Anspannung auslösend, die in einer aktiven eigenständigen Auseinandersetzung mit einer Sache mündet, durch Unerwartetes die Neugier angeregt, zu einer Fragestellung wird und die Motivation erzeugt, etwas Neues zu lernen?
Am Anfang der Philosophie steht das Staunen. Die großen antiken Philosophen Plato und Aristoteles beschreiben das Staunen als „Motor des Denkens, als Brücke zwischen der sinnlichen Wahrnehmung und dem menschlichen Denkvermögen“, so Literaturwissenschaftlerin Nicola Gess.
In ihrem ganz wunderbaren Essay Zwischen Wahn und Wundern. Eigenzeiten des Staunens widmet sich Gess Réné Descartes´ Studie zu den passions de l´ame, den „Leidenschaften der Seele“ von 1649, in der er die Gedanken der antiken Philosophen weiterentwickelt: Descartes sieht im Staunen die erste aller Leidenschaften, insofern es diejenige Leidenschaft sei, mit der der Mensch auf etwas Neues reagiere:
Descartes beschreibt das so:
„Wenn ein Objekt uns beim ersten Entgegentreten überrascht und wir urteilen, dass es neu ist und sehr verschieden von allem, was wir vorher kannten, […] bewirkt das, dass wir uns über es wundern und erstaunt sind“ (Descartes 1984 [1649]: 95)
Descartes wertschätzt das Staunen einerseits, weil es die Seele dazu bringe, „mit Aufmerksamkeit die Objekte zu betrachten, die ihr als selten und außerordentlich erscheinen“ (ebd.: 109) und darüber hinaus auch dazu diene, die Dinge, „die wir bis dahin nicht gewusst haben, […] im Gedächtnis [zu] bewahren“(ebd.: 117).
Wer „keine natürliche Neigung zu dieser Leidenschaft“ habe, sei und bleibe darum „gewöhnlich sehr unwissend“ (ebd.).
Das mache die Krankheit derjenigen aus, die von blinder Neugier besessen sind, d.h. „die Seltsamkeiten nur suchen, um sich über sie zu wundern, und nicht um sie zu erkennen“ (ebd.: 121).
In der blinden Neugier liegt für Descartes also die eine pathologische Abweichung des Staunens, der blind neugierige Mensch läuft Gefahr, einer „Wundersucht“ anheimzufallen, die auf einen Selbstgenuss abzielt, in dem sich ästhetische Erfahrung und Kurzweil verbinden, die allerdings keine Erkenntnis und kein Wissen nach sich ziehen.
Wenn der Mensch sich also nur für einen Moment im Staunen berieseln lässt, aber das forschende Staunen nicht beherrscht, das Sich-Berühren lassen, das Sich-Wundern, das Fragen-Stellen, das Antworten-Suchen, ja dann bleibt er…gewöhnlich unwissend eben…
Für den Aufklärer Descartes wohl ein Gräuel.
Es gilt also, dem rauschhaften Konsum an „Erstaunlichem“ etwas entgegenzusetzen. Es gilt, dem Innehalten im Staunen, dem Sich-Wundern ein Nachdenken, ein Nachfragen und damit Reflexion, Erkenntnis und daraus resultierendes Handeln folgen zu lassen.
Es gilt, Irritation zuzulassen und Staunen zum Analyseinstrument zu machen, will man sich, so Nicola Gess, nicht einfach nur einer momenthaften, oberflächlichen „Wellness-Emotion“, hingeben.
Aber dazu braucht es Fantasie – haben wir die überhaupt noch? – , und es braucht vor allem auch den erklärten Willen, sich aus bekannten Vorstellungen und Haltungen lösen zu wollen, sein Mindset auf Null zu stellen und sich frei von allem vermeintlichen Vorwissen auf Entdeckungsreise zu begeben.
Das Entdecken
Entdecken – das heißt doch: Bekanntes hinter sich lassen, auf etwas Neues stoßen, Unerwartetem begegnen, Rätselhaftes aufspüren, wohl auch: Verblüffung zu empfinden, Ungewohntes durch alle Sinne sickern zu lassen, und genau daran Freude zu haben.
Als Kinder beginnen wir, die Welt zu erkunden, widmen uns mit viel Energie der Suche nach Neu-Entdeckungen – hinter jeder Ecke wartet ein Gegenstand oder ein Ereignis auf uns, das uns fasziniert und in helle Begeisterung versetzt.
Im Laufe eines Lebens fällt es uns immer schwerer, Entdeckungen zu machen. Oft genug gehen wir nicht mehr mit neugierigem Blick und offenen Sinnen durch die Welt, sondern orientieren uns lediglich an dem, was uns bekannt ist, an dem, auf das wir vorbereitet sind und -schlimmer noch- nehmen vieles gar nicht mehr wahr, verschieben es in die Schublade des Belanglosen und Uninteressanten.
Gleichzeitig aber wissen wir, dass es ein tiefes menschliches Bedürfnis bleibt, uns von Illusionen überraschen zu lassen, Offensichtliches zu hinterfragen, Verborgenes zu suchen, Rätselhaftes zu durchdringen und in all diesem eine vielleicht sogar kindliche (Entdecker)Freude zu erleben.
Staunen-Entdecken-Fragen
Und genau an dieser Stelle eröffnet uns Michael Müller seinen Kosmos der unendlichen Geschichten und man tut gut daran, sie zu entdecken. Der Künstler selbst erklärt zu seinen Arbeiten:
„Meine Kunst verstehe ich als eine Art von Spurensicherung. Als leidenschaftlicher Sammler finde ich meine Themen und Materialien im Alltag. Das gewöhnlich Unbeachtete oder Vernachlässigte, das Wertlose oder Morbide, kann zum Auslöser einer Bildidee werden, sorgt für den Anfang einer Erzählung, die das Kunstwerk weiterspinnt. Alles hat seine Geschichte, alles hat seinen Wert – auch das kleinste und scheinbar unwichtigste Detail“ , sagt er und entführt uns mit seinen Arbeiten in das Reich des Fabulierens im Sinne höchster Erzählkunst.
Der Prozess der Entstehung und Ausführung einer Bildidee vollzieht sich bei ihm als gemächliche Umsetzung von Gedanken in Bilder. Seine Bildwelten entstehen nach dem Prinzip des Zufalls, jedoch des gelenkten Zufalls. Nichts in seinen Arbeiten ist willkürlich hingeworfen, sondern immer vollendet durchdacht komponiert. In jedem seiner Werke steckt die Seele eines Künstlers der Alten Schule, der noch das akademische Handwerk beherrscht. Hier hat künstlerische Sorgfalt oberste Priorität.
Mit seinen Collagen und Assemblagen entwickelt er künstlerische Ideen weiter, die mit dem Surrealismus und dem Dadaismus begonnen hatten.
Die Themen und Motive seiner Arbeiten muss und werde ich nicht erklären, sie sprechen eine sehr eindringliche Sprache und fordern Sie als Betrachter heraus.
Gefällig sind sie meist nicht, die Arbeiten von Michael Müller. Sie irritieren vielfach, mahnen, bergen stellenweise Düsteres, machen auch vor Bizarrem und Groteskem nicht Halt. Man muss sie lesen lernen, sie erschließen sich nicht plaudernd im Vorübergehen, sie fordern Intensität, kompromisslose Aufmerksamkeit, vielleicht sogar absolute Ruhe, um ihre Geschichte erzählen zu können
„Ich versuche mit meinen Augen zu träumen und mit meinen Händen zu denken“ – sagt Michael Müller so wunderbar über sein künstlerisches Selbstverständnis. Und auch ist eben sie eben spürbar in Müllers Werk: die Leichtigkeit des Seins, in manchen Themen und bildnerischen Details, eine Leichtigkeit, die uns das Lächeln ins Gesicht zaubert.
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Ulrike Monreal M.A.
Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung fragile fakten – Michael G.Müller
Sparkassen-Galerie Olpe, 11.09.2023
-Auszug-
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